Gemeinde Kolbingen, zwischen Himmel und Höhle - Beschreibung

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Gemeinde Kolbingen

Diese Beschreibung ist ein kleiner Vorgeschmack... 

Blick zum Breiten Fels
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...die Höhle muss man selbst sehen und erleben 

Auf dem Frauenfels über der Höhle
Die Kolbinger Höhle mit der Stefanshöhle liegt etwa 3 km südöstlich von Kolbingen im Walddistrikt Einschlag. Sie ist von Kolbingen aus auf bequemen, gutbezeichneten Wanderwegen, aber auch mit dem Fahrzeug auf einem festen Kalksträßchen gut zu erreichen (für ausreichenden Parkplatz ist gesorgt) .

Der "Einschlag" liegt 8l0 m NN. Der "Breite Fels" gegenüber hat 756 m NN, und die Donau fließt hier 634 m NN.

Alte Leute behaupten, daß der ganze Einschlag unterhöhlt und unterirdisch zerklüftet sei, so daß hier noch weitere Höhlen gefunden werden könnten. Ganz in der Nähe liegt ja auch die Langenfelshöhle. Die Kolbinger Höhle (früher Stefanshöhle) erstreckt sich entlang des Steilabsturzes am "Neuen Steig" gegen den Frauenfels hin. Der Frauenfels selber - oft irrtümlich als "Gelber Fels" bezeichnet - ist ein schroffer Kalkfels, der weit ins Donautal hinausragt und so einen herrlichen Ausblick gestattet.

Für den Botaniker ist der Fels und seine nähere Umgebung deshalb besonders interessant, weil hier fast alle Leitpflanzen der Steppenheide (nach Gradmann) wachsen: die Steppenheidepflanzen 1. und 2. Ranges, die "Nebenformen", die Pflanzen des "freien Anschlusses", die "Fels- und Schuttfazies" und die Pflanzen des "Steppenheidewaldes". Die Liste umfaßt über loo zum Teil sehr seltene Pflanzen.

Ein schmaler Pfad führt nun hinab zum Felsentor. Solche Tore, auch als Naturbrücken bezeichnet, gibt es mehrere in der Umgebung (das "Heidentor" bei Egesheim, Distrikt Oberburg). Es sind dies nach Ansicht der Geologen Höhlenruinen, d. h. Reste früherer Höhlen, die von der allgemeinen Abtragung noch nicht erfaßt worden sind. Quenstedt vergleicht sie mit hohlen Zähnen. Dieses harte Gestein hat, als sich die Donau im Laufe der letzten 8 Millionen Jahre in den Albkörper eintiefte und die Nebenflüsse sich auf ihr Niveau einstellten, der Arbeit des Wassers getrotzt, wie beispielsweise auch der Frauenfels und der Breite Stein. Hier wurde also ein ganzes Höhlensystem zerschnitten bzw. angeschnitten, denn gleich hinter dem Felsentor befindet sich der Zugang zum Kolbinger Schacht, einer Schachthöhle, die 1926 erstmals befahren und vermessen wurde. Durch einen engen Schlupf gelangt man in einen 5 m langen, ~ m breiten und etwa 3 m hohen Schacht, an dessen Wänden sich Versinterungen gebildet haben, nicht zu verwechseln mit der Nebenhalle der Haupthöhle.

 

Größe und Entstehung der Höhle
Vom Felsentor führt ein gepflegter Weg hinunter zum Höhleneingang. Vor dem Eingang genießt man nochmals einen herrlichen Blick ins Donautal und hinüber nach Fridingen.

Die Höhle, die wegen ihrer wilden Zerklüftung und durch wunderbare Tropfsteinpartien jedermann überrascht, ist 88 m lang und durch 141 Treppenstufen und betonierte Wege sehr gut begehbar geworden. Durch eine schmale Felskluft steigt man zunächst 20 Stufen hinab auf die Plattform im Stefansdom. Von hier aus gewinnt man. nun schon einigen Aufschluß über die Entstehung eines solchen Höhlensystems. Die Brüche im Gesteinskörper, die Risse, Klüfte, Fugen und Spalten deuten zunächst auf eine tektonische Beeinflussung des Juragesteins hin (man setzt diese Beeinflussung im Zeitalter des Jungtertiär an, als die ganze Erdkruste in Bewegung war). Diese tektonischen Risse und Klüfte wurden dann im Laufe der Zeit durch die Verkarstungsvorgänge ausgeweitet (Verkarstung = Auflösung des Kalkes durch die vom Wasser mitgeführte Kohlensäure, dadurch schließlich Umwandlung des oberirdischen Abflusses eines Gebietes in ein System unterirdischer Entwässerung). Neben dieser Erscheinung sind aber auch deutliche Spuren der mechanischen Einwirkung des Wassers zu erkennen (Erosion = Abscheuerung des Gesteins durch die vom fließenden Wasser mitgeführten Gesteinsteilchen). Überall in der Höhle zeigen sich an der Decke Abbrüche, die auf dem Höhlengrund oft mächtige Verstürze entstehen ließen. Wo sich Klüfte kreuzen, sind die Abbrüche und Verstürze besonders groß. Hier haben sich dann auch geräumige Hallen gebildet. Diese sind meist wie in einem Labyrinth durch schmale Gänge miteinander verbunden.

Diese Veränderungen im Gesteinskörper (Verkarstung, Erosion, Abbrüche und Verstürze) führten besonders in Weißjura-Delta und Weißjura-Epsilon, also in den unteren und oberen Felsenkalken zur Höhlenbildung (diese Schichten trifft man in der Kolbinger Höhle an). Nun wird aber noch ein Vorgang besonders interessant: die Verkalkung der Höhle durch Kalksinter und die Bildung von Tropfsteinen, die der kostbare Schmuck der Höhlen sind und die durch ihren Figurenreichtum die Phantasie des Beschauers wundersam beleben.

 

Im "Stefansdom"
Von der Plattform aus überschauen wir den hohen Stefansdom, an dessen gegenseitiger Wand sich eine großartige Kanzel ausgebildet hat, der sich aufwärts das Relief einer Orgel anschließt. über unserem Haupte schwebt der große Uhu, der Gespenstervogel am Rande des geheimnisvollen Reichs der Nacht. Rechts oben sitzt die kleine Eule. Wenn wir einen Blick zurückwerfen, sehen wir die Meeresmuschel, eine Erinnerung an die Lebewesen im Jurameer. Bevor wir in den Dom hinabsteigen, suchen wir rechts noch den Spalt, der zunächst in einen Schacht und dann in eine kleine Nebenhalle führt. Dieser Schacht wurde von Höhlenforschern schon bis auf 50 m Tiefe befahren.

Auf den 2I Stufen einer freitragenden Treppe steigen wir nun hinab auf den Boden des Stefansdomes. Von links oben dringt durch einen Spalt das Tageslicht herein. Hier war einstmals auch ein Zugang.

Wenn wir den Blick erheben, sehen wir rechts oben den Höhlendrachen, das schlangenähnliche Ungeheuer. das die kostbaren Schätze der Tiefe bewacht. Direkt über uns schwebt die Drachenbrut, ein zusammengerollter junger Drache mit einem großen Glotzauge.

Über der Kanzel thront der Heuberger Schimmelreiter, der nach der Sage in den
Sturmesnächten den Geistern voraus mit Getöse über die Höhen des Heubergs dahinbraust, oft aber auch mit lieblichem Singen und Klingen den heiteren Wolken voran durch die Lüfte dahinschwebt.

An der Wand unten im Dom finden wir die Ablagerungen der verfestigten Berg- oder Montmilch. Diese kreidige Ablagerung entsteht, wenn sich Kalk sehr rasch aus dem Wasser ausscheidet. Früher wurde die Bergmilch von Heilkundigen. als Augenheilmittel angeboten.

Durch die erste Schnecke hinauf in die eigentliche Kolbinger Höhle
Nun geht es über 49 Stufen durch die erste Schnecke empor, vorbei am Kolbinger Wasserfall (rechts), einer sehr feinen Wandversinterung, herabströmendem Wasser gleich. Daneben zeigt der Lampenschirm eine sehr schöne Form der Auswaschung.

Oben erreichen wir den Opferstein (links) und den Eingang in einen sehr geräumigen Schlot mit reichen Formen, die gotische Kapelle. Vor uns wölbt sich über eine zierliche Grotte mit Korrosionsformen ein mächtiger Baldachin(Korrosion = Auflösung eines Gesteins. Durch Korrosion entstehen rauhe, narbige Flächen, Karren genannt).

Hier oben endete die schon lange bekannte Stefanshöhle. Der folgende enge Durchschlupf mußte ausgegraben werden. Von hier aus beobachteten im Jahre 19I3 die Kolbinger Höhlenforscher, von denen heute nur noch einer, Xaver Riede, lebt, wie Fledermäuse durch eine Felslücke aus- und einflogen. Sie kletterten durch diese Lücke hinauf und gelangten auf der anderen Seite mit Heuseilen hinab in die wunderbare Tropfsteinhöhle, die dann die Kolbinger Höhle genannt wurde.

 

Felsenstube und Felsenkammer
Durch den Engpaß gelangen wir nun in die Felsenstube, eine sehr weite und überaus hohe Halle mit mächtigen Zerklüftungen. Hier soll eine steinzeitliche Wohnstätte mit Höhlenmenschen eingerichtet werden. Von der Felsenstube aus führt (rechts vom Weg) ein Gang in die Felsenkammer, einen kleinen Nebenraum mit Tropfsteinbildungen. Er soll später auch erschlossen werden, denn Gänge verbinden diesen Raum mit der Nebenhalle beim Höhleneingang.

Über uns droht der "hangende Stein". Er wiegt 200 Zentner. Er soll von Zyklopenhand geschleudert worden sein, um die Menschen zu vernichten. Hier ist er hängengeblieben.

 

"Arkadenhof" und "Maurisches Schlößchen"
Über ein paar Treppenstufen abwärts betreten wir den Arkadenhof, in dem leider sehr viele Tropfsteine zerbrochen, jedoch auch sehr schnell wieder weitergewachsen sind. Rechts kommen wir ins maurische Schlößchen. Dies ist ein sehr interessanter Schlot mit vielen kleinen Mulden, Auswaschungen, Aushöhlungen und schmucken Grotten, in denen zierliche Tropfsteine stehen. Im Schlößchen befindet sich die Schatzkammer, in der vor langer, langer Zeit ein Schatz verborgen gewesen sein soll. Wer sich im Schlößchen auch einmal umdreht und nach oben schaut, wird

überrascht sein von der wilden Kluft, die sich über ihm auftut. Gerade diese hochaufragenden Klüfte sind es, die den vorderen Teil der Höhle so wuchtig und wildromantisch erscheinen lassen.

Nun geht es durch die schmale, auch erst später ausgegrabene zweite Schnecke wieder aufwärts. Linker Hand dehnen sich die Gletschergärten aus, Sinterformen, die dem Gletschereis gleichen. Über diese Gletschergärten ging der Weg der Entdecker.

Nach 18 ansteigenden Stufen erhebt sich linker Hand eine prächtige Tropfsteinfigur, der Gralswächter, der den Weg fast versperrt. Er hat die linke Hand erhoben, als wollte er dem Besucher zurufen: Sammle Dich, Du stehst am Eingang einer wunderbaren Welt!

In der "Gralsburg"
Kaum hat der Besucher den Gralswächter passiert, so tut sich ihm eine imposante Tropfsteinwelt auf, die Gralsburg. Hoch oben, unter dem Triumphbogen, der mit den zierlichsten Stalaktiten geschmückt ist, an denen wie Perlen Wassertropfen hängen, steht der Gral, der wundersame Edelstein aus der Parzivalsage, dessen Anblick den Ritter, der ihn hütet, am Leben erhält.

Der ganze Raum ist ausgeschmückt mit den feinsten Sinterformen, mit Sinterröhrchen, Sinterleisten und Sinterfahnen. Das Auge kann sich kaum satt sehen an den seltsamsten Figuren. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, die bizarren Formen auszudeuten, und das romantische Gemüt ergötzt sich, hier die abgegangenen, sagenumwobenen Burgen und Schlösser der Heimat und die Gestalten der Heimatsagen beisammen zu sehen. Da stehen Altfridingen, die Granegg und der Hexenturm, da erkennen wir den Vogt Schroff von Werenwag, der hier ohne Kopf zu Stein geworden ist, die geheimnisvollen Zauberfrauen am Eingang ins Heiligentäle, die liebenswerten Reichenbacher Fräulein, wie sie Hand in Hand nach Weg und Steg suchen.

Ein Blick durch den Triumphbogen zeigt uns die drei Zinnen in den Dolomiten, daneben die Säule der Fruchtbarkeit und seitlich dahinter die Hubertussäule. Über dem Bogen sitzt der Erzschelm Poppele und sinnt auf Schabernack.

 

Im "Sagenschloß"
Am klingenden Stein und am Sägezahnsinter vorbei führen dann einige Stufen hinein ins eigentliche Sagenschloß der Höhle. Hier sind für den phantasiebegabten Betrachter eine ganze Reihe weiterer Sagengestalten aus der näheren Umgebung, wie sie uns im "Sagenkränzlein" von E. Rebholz und im "Sagenbuch" von J. Zepf überliefert sind, zu Stein geworden, um in dieser phantastischen Unterwelt geheimnisvolle Urständ zu feiern. Da entdecken wir in einer Tropfsteingruppe die tragische Sage vom Frauenfels, in einer anderen die bittersüße Geschichte vom trauernden Fräulein auf Kallenberg, in wieder einer anderen die Legende von der Magd auf dem Walterstein überm Lippachtal.

In einer Nische thront erhaben der ob seiner Redlichkeit und Ehrlichkeit verehrte Vogt V011 Kolbingen. vom letzten Anstieg am Ende der Höhle grüßt noch die Burg

Pfannenstiel her, um die sich die Sage von der guten Frau von Bärenthal rankt.

Und überall in den Ecken und Nischen des Raumes tummeln sich die Gestalten der Erdmännlein und Nachtmännlein, die einst auf so uneigennützige Weise in den Nächten den Bauern beim Dreschen und den Fuhrleuten bei der Pflege der Pferde geholfen haben.

Mitten im Sagenschloß aber erhebt sich wuchtig und weitausladend die Weltenesche Yggdrasil, der große Lebensbaum, der das Himmels- und Erdengewölbe trägt. Hinter dem mit geheimnisvollen Zeichen bedeckten Stamme stehen die Nornen, die Schicksalsfrauen, die in der germanischen Sage den Lebensfaden des Menschen spinnen und wieder zerreißen. Im Schatten der Krone sind die Drachenzähne der Zwietracht und des Unfriedens zu Stein geworden, damit draußen in der Welt Eintracht und Friede sei.

Manchem Beschauer mag es vielleicht etwas zu viel Phantasie sein, die wir bei unserem Gang durch die Höhle auf uns wirken ließen, aber die Höhle selbst ist ja ein Wunder, und wo Wunder sich auftun, darf man auch Geheimnisse aufsuchen und finden.

 

Mit den Augen des Romantikers

Wer so die Kolbinger Höhle mit den Augen des Höhlenforschers, vor allem aber auch mit den Augen des Romantikers sieht, dem wird sie wirklich zu einem köstlichen Kleinod unserer Heimat, zu einem verborgenen Schatz mit den Edelsteinen der Schwäbischen Alb, ZU einem Raum des besinnlichen Verweilens in einem dämmrig-kühlen Zwischenreich zwischen Tag und Nacht, Sage und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart, wo, wie im Traum des Heinrich (in Novalis' Heinrich von Ofterdingen) "das Gewöhnliche ein geheimnisvolles Ansehen bekommt, das Bekannte die Würde des Unbekannten hat und im Jetzigen schließlich ein Hauch des Urvergangenen weht"
von Fritz Schray, Wurmlingen